1000 Tage ohne Sex

1000 Tage ohne Sex

1000 Tage ohne Sex

Könnte ein „Sex-Sabbatjahr“ dich dazu bringen, dass du dein Leben wieder in die Hand nimmst?

Warum sollte jemand freiwillig so lange auf Sex verzichten? Ich hätte vor einigen Jahren dieselbe Frage gestellt, und doch nun ist es soweit. Die Antwort, die ich bekomme, wenn die Leute hören, dass ich mich vor Jahren dazu entschieden habe, auf Gelegenheitssex zu verzichten, ist wirklich unterhaltsam, und natürlich erwarte ich nicht, dass alle sie nachvollziehen können. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass viele Menschen diesen Lebensstil aus den selben Gründen wie ich wählen, wobei mir diese Gründe lange Zeit bewusst waren.

Ich habe einen Meilenstein von 1000 Tagen ohne Sex erreicht, und nun habe ich mich damit abge-funden, dass ein sexueller Missbrauch teilweise hinter dieser Entscheidung steckte.
Kürzlich habe ich darüber geschrieben, wie wichtig emotionale Sicherheit ist, und wie ich sie mit meinen Freunden hautnah miterlebt habe, während ich mein eigenes sexuelles Trauma behandel-te, von dem ich wusste, dass ich es erlebt hatte. Ich wusste jedoch erst nach Jahren, als ich mein Buch "Let That Shit Go: A Journey to Forgiveness, Healing & Understanding Love" (dt.: "Lass den Scheiss los: Eine Reise der Vergebung, Heilung und verständnisvollen Liebe") schrieb. Es ist selt-sam, in welcher Form dein Körper die Auswirkungen eines Traumas durchmacht, bevor es dein Kopf tut.

Als Teenager wurde ich von einem Mann, den ich liebte, sexuell missbraucht.

Die Realität meiner Erfahrung setzte sich über viele Jahre hinweg nicht durch. Alles fühlte sich falsch an - in jenem Moment und jedes Mal, wenn mich die lebendige Erinnerung an diese Zeit beschlich -, aber die Verleugnung und die Schande erlaubten mir nicht, die Situation so zu sehen, wie sie war. Stattdessen überzeugte ich mich fast 15 Jahre lang davon, dass es sich um ein ganz normales Verhalten gehandelt hatte.

Jedoch bin ich heute an diesem Punkt meiner Reise überzeugt, dass der Missbrauch unbewusst meine Entscheidung, so lange ohne Sex zu leben, ausgelöst hatte. Anfänglich hatte ich mich für sexuelle Enthaltsamkeit aufgrund der jahrelangen bedeutungslosen sexuellen Abenteuer, die mich innerlich leer fühlen ließen, entschieden.

Erst später wurde mir klar, dass ich nicht von einer anderen Person berührt werden wollte. Ich wollte nicht meinen Körper mit einem anderen Mann teilen, der sich nicht wirklich für mich interes-sierte. Ich wusste nicht, wie ich sinnlich oder sexuell sein sollte, ohne mich leer zu fühlen. Ich sehn-te mich so sehr nach Zuneigung, war aber jedes Mal, wenn es mir angeboten wurde, voller Angst und Skepsis. Ich habe mich nie sicher gefühlt. Ich musste mein Trauma lösen und meine Sexualität zurückerobern. Ich musste meinen Referenzrahmen reinigen und neu beginnen.

Als Frau, die lernt, ihre Sexualität und Weiblichkeit zu umarmen und zu feiern, kannst du dir den inneren Konflikt vorstellen, mit dem ich konfrontiert war. Es gab eine große Diskrepanz zwischen meiner Einstellung zu meinem Körper und der Art und Weise, wie ich mich in Gegenwart von Män-nern verhielt. Ich hatte einfach große Angst vor ihnen und wusste es nicht einmal.

Ihre Energie definiert dich, bevor du den Mund aufmachst, und wenn ich einen Raum betrat, sagte meine Energie aus Angst: „Wag es verdammt noch mal nicht“. Nicht die herzlichste Umarmung.

Nachdem mich diese verspätete Entdeckung eingeholt hatte, wusste ich nicht, wie ich die Gefühle, die sich auflösten, richtig verarbeiten sollte, jetzt, wo mein Missbrauch an die Oberfläche gebracht wurde. Verhielt ich mich wie alle Opfer von sexuellem Missbrauch? Gibt es etwas, was ich tun könnte, um die Scham, die ich im Kopf hörte, zu verringern? Würde ich das jemals wirklich über-winden?

Ich fand heraus, dass diese und viele andere Fragen sehr häufig bei Personen auftraten, die in ähn-lichen Umständen waren, und das ist der Zweck dieses Beitrags. Sicher, 1000 Tage ohne Sex zu schreiben ist eine großartige Headline, aber deswegen sind wir nicht hier.

Wir sind hier, weil ich darauf wetten möchte, dass wir alle jemanden kennen, der sexuell miss-braucht wurde, und das ist eine Tatsache, die mir das Herz bricht. Wir sind hier, weil wahrscheinlich viele Männer dies lesen und du für dieses Gespräch so wichtig bist. Du bist ein hervorragendes Puzzleteil, das zu Verbesserung beitragen kann.

Um mehr über den Heilungsprozess zu erfahren, sprach ich mit Jimanekia Eborn, einer Sexualpäda-gogin und Traumaspezialistin, um professionelle Einsichten darüber zu gewinnen, wie dieses Trau-ma auftauchen kann und wie man am besten damit zurechtkommt.

„Wenn jemand dieses Verbrechen an einer anderen Person verübt, verändert sich die Welt und dein Leben, egal wie alt du bist. Nur die Opfer wissen genau, wie einsam sie sich in der Trauer und mit dem Trauma dieses Verbrechens fühlen“, erklärt Eborn. „Darüber zu sprechen kann zu einem Kampf werden, wenn nicht gar unmöglich sein. Wenn sie darüber reden und die Worte hören: „Ich weiß, wie du dich fühlst", können sie wütend werden, weil niemand wissen kann, wie sie sich füh-len, denn es ist für jeden eine einzigartige Erfahrung.

Eborn teilt mit, dass sich viele Gefühle nach einem Missbrauch entwickeln, dazu gehören (unter anderem): Schock und Taubheit, Verwirrung über die Dinge, die vor sich gehen, Kontrollverlust und das Gefühl, dass die Welt auf den Kopf gestellt wird, Angst vor einem erneuten Missbrauch, Schuldgefühle und Selbstvorwürfe aus dem Gefühl heraus, dass man die Situation hätte verhin-dern sollen, Isolierung von anderen und Verletzlichkeit oder Misstrauen, weil man sich bei anderen nicht sicher fühlt.

In meinem Fall war ich sehr neugierig, warum das Geschehene so lange brauchte, um sich in mei-nen Gedanken zu manifestieren - etwas, von dem ich weiß, dass es auch für andere Opfer gilt.

Als ich Eborn fragte, erklärte sie: „Der Körper versucht zu helfen und sich selbst zu heilen. Manch-mal unterdrücken Geist und Körper Erinnerungen, die möglicherweise in physischer, mentaler und emotionaler Hinsicht schädlich waren.“

In einer Studie der Northwestern University heißt es außerdem: „Zunächst können nicht greifbare und versteckte Erinnerungen die Person vor dem emotionalen Schmerz der Erinnerung an das Er-eignis schützen. Letztendlich können diese unterdrückten Erinnerungen jedoch schwerwiegende psychische Probleme, wie Angstzustände, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen oder dissoziative Störungen verursachen.“

Es wäre toll, wenn man magische Bewältigungsmechanismen für die Behandlung sexueller Trauma-ta aus einer Hand erhalten würde. Eborn betont jedoch, dass Heilung eine persönliche Reise ist, auf die sich nur das Opfer begeben kann.

„Es gibt keinen Weg, mit Traumata fertig zu werden, weil jeder anders damit umgeht und Dinge anders verarbeitet. Einen Therapeuten zu finden oder Wege zu finden, wie man sich mit seinem Körper verbinden kann, sind zwei Dinge, die man tun kann.“

Eborn bietet einen Online-Kurs für all diejenigen an, die Partner von Überlebenden sexuellen Missbrauchs sind, spricht auch darüber an, was man tun kann, wenn man mit einer Person zusam-menarbeitet, die ein sexuelles Trauma erlebt hat.

„Sprich mit deinem Partner. Sie kennen ihren Körper mehr als jeder andere. Hab Geduld.“ Geduld ist auch etwas, das ich mir selbst dringend geben muss. Ich weiß, dass Selbstbeschuldigung und Schuldgefühle in diesen Situationen ein Teil von mir sind, und oft lehne ich selbst diese guttuende Heilung ab, die ich denen anbiete, die ich liebe und betreue. Das ist nicht vorteilhaft, wenn es um meine eigene Heilung geht.

Traumata passieren, und der Umgang wird nie einfach sein, aber deine Erfahrung gehört zu dir, und die beste Art und Weise des Umgangs und der Heilung ist die, die zu dir passt. Während die Ver-breitung sexuellen Missbrauchs in unserer Gesellschaft herzzerreißend ist, ist die Solidarität mit anderen Überlebenden von umso größerer Bedeutung.

Wir kennen vielleicht nie wirklich die Schmerzen des anderen, aber wir werden immer wissen, dass wir uns nicht alleine damit auseinandersetzen müssen.

Autor: Bruna, Playboy US

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