Gendern: Die Verordnete Verblödung

Gendern: Die Verordnete Verblödung

Gendern: Die Verordnete Verblödung

Ist das Deutsche zu männlich? Nein, die neue Sprach-Bürokratie zu dämlich, wie ein Blick in die Geschichte zeigt, sagt unser Textchef Philip Wolff.

Eine Streitschrift.

Weitreichende Frage meiner achtjährigen Tochter neulich: „Kann auch ein Mann Bundeskanzlerin sein?“ Antwort: „Na klar!“ Ich erzählte ihr von Helmut Kohl, dem das über ebenso viele Jahre gelungen war wie Angela Merkel. „Aber bei einem Mann heißt es Kanzler“, erklärte ich ihr. „Und wer kann das besser, Männer oder Frauen?“ – „Beide gleich gut. Frauen sind genauso gute Bundeskanzler.“ – „Bundeskanzlerinnen, meinst du!“ – „Nein, Bundeskanzler. Wenn ich sage, Frauen sind gute Kanzlerinnen, ist das Quatsch, weil ja jede Kanzlerin eine Frau ist. Wenn ich Männer und Frauen vergleiche, muss ich beide bezeichnen, dann sage ich Kanzler.“ Generisches Maskulinum. War das noch eine Diskussion auf Grundschulniveau? Anscheinend ja: „Ich sage Kanzlerin.“ Sie gab nicht nach.

Die Frage fällt mittlerweile ins Fach Erwachsenenbildung. Beziehungsweise Missbildung. Denn sie wird sogar von Regierenden auf diesem Niveau verhandelt. So legte unlängst die Bundesjustizministerin einen Gesetzentwurf mit fast ausschließlich weiblichen Personenbezeichnungen vor, der aufgrund der skizzierten Kindsköpfigkeit wieder ins Deutsche rückübersetzt werden musste. Die Frau ist 55 Jahre alt. Zwar sind 60 Prozent der Deutschen dagegen, dass in amtlichen Texten gegendert wird. Dennoch müssen sie mittlerweile unzählige Beamte in Ministerien und Kommunen finanzieren, die geschlechterneutrale anstelle der gängigen maskulinen Personenbezeichnungen in Formulare und Bekanntmachungen einarbeiten. So wurde aus dem Wort „keiner“ in Hannover „niemand“ (was dummerweise ebenfalls maskulin ist, nobody is perfect). Aus Lehrerin und Lehrer wird in Lübeck „Lehrkraft“. Aus dem Läufer aber keine Laufkraft. Aus Anwohnern werden in München „anwohnende Personen“. Aus Bürgern aber nicht burgwehrende Personen. Sprachlich Dämliches (nein, liebe Genderfreunde, dämlich kommt nicht von Dame) erkennt man an seiner Beliebigkeit.

Witze liegen oft zu nah an der Wahrheit

Angefangen hatte der Zirkus vor Jahrzehnten an Universitäten unter Leuten, deren Abiturnote nur für Soziologie und ideologische Selbstfindung reichte, als sich Studentinnen und Studenten (so viel Zeit muss sein!) in „Studierende“ umbenannten. Vergeblich bewies 2002 der Schriftsteller Max Goldt die Lächerlichkeit des Unterfangens mit dem Beispielsatz: „Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden“, der nach einem Uni-Massaker heute in gegenderten Nachrichten glatt so vorgetragen werden könnte. „Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren“, schrieb Goldt. Von der Gedankenschärfe solcher Bemerkungen nehmen die Gendernden jedoch meist nur die Schärfe wahr, der Gedanke kommt nicht mehr an. Weil: Humorlosigkeit ist unter Ideologen oberstes Gebot. Witze liegen oft zu nah an der Wahrheit. So wie beim folgenden Gag: Sitzen zwei Gleichstellungsbeauftragte beim Frühstück. Sagt die eine: „Kannst du mir bitte die Salzstreuerin reichen?“ Darauf die andere: „Nein, ich habe Muskelkatze.“

Ja, unsere Salzstreuer. Und Bürger. Und Lehrer, Läufer, Mörder, Maurer, Bäcker. All diese Nomina agentis eint die männliche Endung -er, die immer dann genutzt wird, wenn die zu einem Verb wie streuen, lehren, laufen oder backen gehörenden handelnden Personen bezeichnet werden. Ihren Ursprung hatte diese Konvention im späten Alt- und frühen Mittelhochdeutschen. Bis vor etwa tausend Jahren war aus Personenbezeichnungen das Geschlecht meist noch recht gut herauszuhören wie zum Beispiel durch ein o für Männer und ein a für Frauen im Substantiv Bäcker: die becka, der becko. Daraus wurde der oder die becke – eine Vernachlässigung der Endsilbe zugunsten unseres Sprachrhythmus, der den Initialakzent verlangt (weshalb wir Neuhochdeutschen immer auf die Eins klatschen und so gut Marschmusik komponieren können). Durchgesetzt hat sich anstelle der fast unhörbaren e- die deutlichere er-Endung aber nicht nur in Bäckereien, denn sie war der Schlüssel für eine ganze Reihe semantisch verwandter Bereiche: Sie half bei vielen Substantiven den Plural zu bilden (Lämmer, Lehrer, Löcher), den Komparativ bei Adjektiven (schöner, höher, weiter), die Genitiv-Plural-Formen von Pronomen (der Frauen, der Männer, der Kinder), sie bildete die Stammform iterativer Verben (laber, kicher, flatter) und zeigte die Zugehörigkeit zu Gruppen an (Araber, Gallier, Mazedonier). Weil wir plötzlich nur noch Männer sahen? Weil eine neue Art von Patriarchat entstanden war, in dem nur noch Männer backen, laufen und streuen durften? Nein, weil es sprachlich sinnvoll ist, wenn eine Endung semantisch Ähnliches bezeichnet: Das -er taucht immer dort auf, wo es um eine Menge vieler vergleichbarer Subjekte oder Tätigkeiten geht. Mag vor rund tausend Jahren das Patriarchat auch auf dem Siegeszug gewesen sein, so hatten sich das biologische und das sprachliche Geschlecht doch voneinander entfernt – so wie Liebe und Sex in den 1960ern: ein Fortschritt der Vieldeutigkeit, die Sprache nicht nur literaturfähig macht, sondern auch geeignet für Erfindungen und individuelle neue Denkweisen. Auch für die Überwindung des Patriarchats. In klugen Köpfen hat sie sich längst vollzogen.

Leben im Zeitalter der Genderei

Das Gegenteil, die größtmögliche Eindeutigkeit von Sprache, war seit jeher das Anliegen von Juristen und Beamten, den engsten Verbündeten aller Gesetzgeber und zu Macht gelangten Ideologen, die jede Vieldeutigkeit zu Recht fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Nicht von ungefähr verbrannten die Nazis Bücher oder ersannen die DDR-Sozialisten ihre Sprachregelungen. Wer meint, im Zeitalter der Genderei heute seien wir viel fortschrittlicher, versuche nur einmal, ohne den neuen Genderjargon Karriere an einer Universität oder in einer Behörde zu machen.

Hatten wir denn zu wenige Gelegenheiten, ein Frühwarnsystem für aufkommenden Irrsinn zu entwickeln? Gab es nicht genügend Witze übers Verwaltungsdeutsch? Haben wir zum Beispiel vergessen, wie Beamte den Baum umtauften in „raumübergreifendes Großgrün“? Ist es so schwer, da den Zusammenhang mit modernen Verwaltungsangestellten zu erkennen, die am Interrogativpronomen „wer“ verzweifeln, weil es auf vermeintlich zu männliche Weise nach allen Menschen fragt? Auch das Genderdeutsch ist der Versuch, allgemeingültige Begriffe zu schaffen, damit die Sprache keine Vorstellungen mehr erzeugt. Der absolute Höhepunkt: der als Pause gesprochene Genderstern. Ist es wirklich so unsäglich, wenn jemand sich nicht entscheidet, ob er Mann oder Frau ist? Trauen wir diesen Menschen wie all unseren Frauen die Sprachkompetenz nicht zu, sich trotz er-Endung als Bürger angesprochen zu fühlen? Gänzlich neu am heutigen Beamtendeutsch ist das magische Denken: Frauen oder Diverse könnten durch er-Worte gesellschaftliche Nachteile erfahren. Die einfache Probe aufs Exempel lässt sich an Sprachräumen machen, in denen es kein grammatisches Geschlecht gibt: Sind türkische Frauen und Transsexuelle gesellschaftlich bessergestellt als deutsche? Eben. Wenn ich Bundeskanzlerin werde, mache ich dem Schwachsinn ein Ende. Versprochen.

Über den Autor

Philip Wolff, 49-Jahre, redigiert den Playboy als Textchef seit zehn Jahren. Sein Credo dabei: Lesen ist Kopfkino, weil Sprache immer bildhaft und vielsagend ist. Man muss sie nur pfleglich verwenden. Als Dozent trainiert er Journalisten in Schreibkursen an verschiedenen deutschsprachigen Bildungseinrichtungen. Er selbst hat Germanistik, Politik und Philosophie studiert.

Autor: Philip Wolff

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