Das Playboy-Symposium: Wer zählt?

Das Playboy-Symposium: Wer zählt?

Das Playboy-Symposium: Wer zählt?

Unsere Gastredakteurin des Symposiums ist Mitbegründerin von Black Lives Matter und Stimmrechtsaktivistin. Der von ihr gebotene Einblick in den Mythos des American Power ist an Dringlichkeit nicht zu überbieten

von ALICIA GARZA, Playboy USA

Die Verfassung der Vereinigten Staaten wurde in etwas mehr als 100 Tagen entwickelt, jedoch hat es 200 Jahre gedauert, bis sie vollständig umgesetzt wurde. Damit wurde dieser Nation einen Rahmen gegeben, wobei der Aufbau der Nation sowohl mit akribischen Details als auch mit verrückter Unbestimmtheit beschrieben wurde.

Mithilfe der Verfassung sollte eine auf Freiheit basierende Nation geschaffen werden. Um dies aber durchzusetzen, riss man ein souveränes Landes an sich, beging Völkermorde an den ursprünglichen Verwaltern dieses Landes und versklavte Millionen von Menschen. So endete die Flucht vor der Tyrannei einer korrupten Monarchie darin, dass die sogenannten Gründerväter vieles nachahmten, was sie zurückgelassen hatten.

Mit dem Aufbau einer neuen Nation kehrte man zwar in gewisser Weise den ungeheuerlichsten Straftaten den Rücken, die unter monarchischer Herrschaft erlebt wurden, jedoch basierten die Prinzipien der Macht darauf, Macht über andere anstatt gemeinsam auszuüben. Das Ergebnis war eine neue Nation, die auf einem System aufgebaut wurde, das seit Hunderten von Jahren existiert: eine Person an der Spitze, die alles kontrolliert und dafür sorgt, dass niemand ihre Macht missbrauchen kann. Am Ende wurden mehr Menschen mächtig, und es wurden Regeln entwickelt, die sicherstellten, dass diese mächtigen Menschen ihre Macht behalten konnten.

Macht ist im weitesten Sinne die Fähigkeit, über dein eigenes Leben und das Leben anderer zu entscheiden. Es gibt verschiedene Formen der Macht, und politische Macht, nämlich die Fähigkeit zu entscheiden, wie Entscheidungen getroffen werden, ist das Ziel der Verfassung. Die Verfassung versuchte weder, die Macht selbst zu transformieren, noch versprach sie dies jemals. Stattdessen wurde sichergestellt, dass mehr Menschen Zugang zu den letztendlich korrupten Machtformen hatten, die einigen verweigert wurden.

Die Verfassung war ein außerordentlich ehrgeiziges Projekt, das jedoch vielleicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Ich denke heute oft an die Verfassung und frage mich, wie es dazu kommen konnte, dass sich ein paar Typen mit gepuderten Perücken und Sklaven für ein paar Monate treffen und ein ganzes System ausarbeiten konnten, das nicht nur auch nach so vielen Generationen unbestreitba-re Auswirkungen auf mein Leben, sondern auch die Rahmenbedingungen für die Kämpfe von heute geschaffen hat. Haben diese Perückentypen bereits gewusst, dass wir über 200 Jahre später jemanden mit einer deutlich dürftigeren Perücke haben würden, der das Land führt?

Abgesehen von allen Beleidigungen habe ich oft gehört, dass die Verfassung für Mo-mente wie diese konzipiert wurde, in denen alles auf dem Spiel steht. Ich habe keine Ahnung, was die Absichten der Autoren waren, wenn man berücksichtigt, dass Menschen wie ich nur zu drei Fünfteln als Menschen betrachtet wurden, und dann auch hauptsächlich nur zur Aufteilung von Macht und Ressourcen. Jedoch kann ich folgendes mit ganzer Zuversicht sagen: Die Frage, wer wichtig ist, Entscheidungen trifft und die Regeln formuliert, die die Entscheidungen überhaupt definieren, ist wichtig. Sehr sogar.

Wer als Person in die Verfassung dieser Nation einbezogen wird, hängt davon ab, wer Macht hat und wer nicht. Aus diesem Grund wurde bis zur Ratifizierung des 19. Verfassungszusatzes von 1920, in diesem Jahr vor genau einem Jahrhundert und 133 Jahre nach der Ausarbeitung der Ver-fassung, keiner Frau das Wahlrecht zugesprochen. Aus diesem Grund zählte eine versklavte schwarze Person erst 1868, drei Jahre nach der formellen Abschaffung der Sklaverei und mehr als 80 Jahre nach dem ersten Entwurf der Verfassung, als eigenständige Person.

Alle vier Jahre tauchen Millionen von Menschen im ganzen Land auf, um ihre Meinung zu äußern. Die Frage, wer die Regeln macht und wer den Boden ebnet, auf dem die Regeln geschaffen werden, ist wohl wichtiger als unsere politischen Parteien und die Ideologien, die sie einst definiert haben. Mittlerweile sind in unseren Wahllokalen die Unterdrückung von Wählern, Manipulationen und Umverteilungen sichtbar, dazu kommen viele andere drin-gende Probleme wie die Klimaproblematik, Polizeigewalt, gleicher Lohn und das Gesundheitssys-tem.

Dieses Jahr bringt ein neues Jahrzehnt sowie eine der wichtigsten Wahlen meines Lebens. Es geht um viel mehr als darum, wer der Oberbefehlshaber wird. Dies ist ein Kampf um die Frage, wer zählt und wer die Gesetze gestalten darf, denen der Rest von uns unterliegt. Was bei den Wahlen 2020 passiert, wird unbestreitbare Auswirkungen auf die Struktur und Funktion der Demo-kratie selbst haben.

In den letzten zehn Jahren sind im ganzen Land soziale Bewegungen entstanden, von Occupy Wall Street über Idle No More bis hin zu Black Lives Matter, MeToo und dem Women’s March. Diese Bewegungen deckten auf, was sich zuvor unter der Oberfläche befand: finan-zielle Instabilität infolge grassierender Spekulationen und Gier, die der Kapitalismus zu-ließ; Klimazerstörung und ihre Auswirkung durch den Menschen; staatlich sanktionierte Gewalt und Rassismus gegen Schwarze; rassistisch motivierte Ressentiments und Antagonismus; sexuelle Übergriffe und Gewalt durch die Mächtigen. Was einst unsichtbar war, ver-schaffte sich Gehör, bis schließlich die ganze Welt Zeuge werden, untersuchen, nach-denken und Partei ergreifen konnte.

Die Autoren dieses Symposiums sind einige der schärfsten Denker und Macher des Landes. Sie sind die Mutigen, die zu denen stehen, die keinen Platz am Tisch hatten. Hier untersuchen wir kritische Fragen, mit denen unser Land heute konfrontiert wird: Wer ist wichtig, wie läuft die Veränderung ab, wer wird zurückgelassen und was können wir tun, um die Machtverteilung ein für alle Mal zu verändern?

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