Die Reiselust ist sehr groß

Die Reiselust ist sehr groß

„Die Reiselust ist sehr groß“

Wann gibt’s mal wieder richtig Urlaub? Ab Mitte 2021, glaubt Birgit Borowski, die deutsche Chefredakteurin des Individual-Reiseführers „Lonely Planet“.

Playboy: Frau Borowski, wann wird es wieder möglich sein, an einen normalen Urlaub zu denken?

Borowski: Wenn ich das wüsste! Ich kenne niemanden, der Ihnen das im Moment ganz genau sagen kann. Als der erste Lockdown im vergangenen März kam, bin ich davon ausgegangen, dass es ab dem Sommer wieder läuft. Tatsächlich lief es da ja ein bisschen besser: Zwischen Juni und August sind rund 30 Prozent aller Deutschen verreist. Jetzt gehe ich davon aus, dass sich ab Frühjahr bis Sommer die Situation langsam normalisieren wird. Hoffentlich.

Worauf gründet Ihre Hoffnung?

Einerseits auf den Impfungen, andererseits auf viel schnelleren Tests. Wenn beispielsweise die Fluggesellschaften die Passagiere in großer Zahl testen und dann auch sofort ein Ergebnis sehen können, werden wir uns natürlich wieder viel bedenkenloser in den Flieger setzen.

Und wohin wird der 2021 typischerweise fliegen?

Sicher vor allem erst einmal ins europäische Ausland. Ob dann ab Frühjahr gleich wieder Fernreisen möglich sind, bezweifle ich. Wobei es auch Länder gibt wie Australien und Neuseeland, die Corona sehr gut im Griff hatten. In Australien haben Sie diese sensationelle Landschaft mit ganz viel Weite und keinen Menschen außer Ihnen. In Neuseeland treffen alpenähnliche Gebirge auf subtropische Wälder, und das am anderen Ende der Welt. Hier müssen wir einfach ein bisschen abwarten. Diese Länder haben gerade sehr strikte Einreiseregelungen. Sollten sie aber den Tourismus wieder zu- und Europäer hineinlassen, wäre das natürlich auch eine sehr gute Reisemöglichkeit.

Sie meinen, dahin gehen, wo es kaum oder nur wenige Neuinfektionen gibt?

Ja, auch Taiwan wäre so ein Ziel, das auch vor Corona stark im Kommen war. Ein touristisch relativ unentdecktes Land mit trotzdem guter Infrastruktur. In der Hauptstadt Taipeh, einem riesigen Moloch, bekommen Sie einen Kulturschock, andererseits finden Sie hier fantastische Natur mit dschungelartiger Vegetation. Die Taroko-Schlucht ist einer der schönsten Plätze, die ich jemals gesehen habe.

Gibt es denn tatsächlich jetzt schon das Bedürfnis nach solch exotischen Zielen?

Ich denke schon. Die Reiselust ist mittlerweile sehr groß, größer noch als im ersten Lockdown. Es gibt aktuelle weltweite Umfragen, die zeigen: Die Leute sitzen in den Startlöchern und wollen raus.

Warum eigentlich? Zu Hause kann es doch auch schön sein.

Manche mögen tatsächlich so empfinden. Die fanden es die letzten Monate spannend, die nähere Umgebung zu erkunden, die sie davor gar nicht so richtig kannten. Den Trend zum Urlaub im eigenen Land gibt es ja schon seit ein paar Jahren, das hat durch Corona nur noch einmal einen Schub bekommen. Aber die meisten – und da zähle ich mich auch dazu – haben davon jetzt genug. Ich möchte wieder etwas Neues und ganz anderes erleben: andere Sprachen hören, anderes Essen entdecken, auf Menschen aus anderen Kulturen treffen. Ich möchte komplett in eine andere Welt eintauchen und nicht nur im Schwarzwald wandern gehen.

Wohin würden Sie als Erstes fahren?

Nach Madeira. Einfach die Natur und das milde Inselklima erleben und das gigantische Wanderwegenetz erkunden. Oder eine kleine Bucht suchen und im Meer baden.

Haben Sie keinen Hunger danach, auch mal wieder dahin zu gehen, wo viele Menschen sind, in größere Städte zum Beispiel?

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die vor Corona eine wahnsinnige Panik haben, aber ich will mich auch nicht in absolute Gefahr begeben. Wenn ich nicht einen wichtigen Grund wie eine Dienstreise hätte, würde ich in absehbarer Zeit nicht unbedingt in die großen Metropolen fahren. Das haben wir ja auch schon letztes Jahr beobachtet: Die Kurztrips nach Paris, London oder Rom sind deutlich zurückgegangen. Es ist einfach kein schönes Gefühl, dauernd in Sorge zu sein, sich abends im Club anstecken zu können.

Wie wäre es mit Osteuropa? Da haben viele Deutsche auch noch große weiße Flecken auf der eigenen Reise-Landkarte.

Das stimmt, und tatsächlich werden wir Anfang Januar einen deutschen „Lonely Planet“ zu Georgien herausbringen. Das Land ist seit ungefähr drei Jahren ein absolutes Trendziel – und eine wirklich spannende Destination mit unberührter Natur, einsamen Bergklöstern und Höhlenstädten, gutem Essen und nicht zuletzt dem berühmten Wein.

Normalerweise planen viele gerade in dieser Jahreszeit ihren kommenden Jahresurlaub. Wann ist dieses Jahr der richtige Zeitpunkt, Fahrten und Übernachtungen zu buchen?

Da besteht natürlich gerade ein gewisses Risiko. Wenn man problemlos aus Verträgen wieder rauskommt, kann man schon jetzt buchen. Pauschalreisende, die eher nicht zu den Lesern des „Lonely Planet“ gehören, sind da meist auf der sicheren Seite. Ich persönlich warte aber erst einmal ab, wie sich die Situation im Februar und März entwickelt.

Wie sinnvoll ist es, eine zusätzliche Versicherung abzuschließen?

Ich habe ohnehin immer eine Reiserücktrittsversicherung. Aber bevor Sie jetzt eine Reise buchen, sollten Sie noch einmal abklären, ob die Versicherung auch bei Corona haftet oder ob es irgendwelche Ausschlusskriterien gibt. Für eine Reise zu bezahlen, die man nie gemacht hat, wäre sehr ärgerlich.

Zumal noch gar nicht absehbar ist, wie die Hotels und Veranstalter die Krise überstehen.

Ja, und ich glaube nicht, dass alle zurückkommen werden. Dafür werden wahrscheinlich neue aus dem Boden schießen. Die Branche wird einen großen Wechsel erleben.

Wird Corona unser Reiseverhalten langfristig verändern?

Ich denke nicht. 2021 werden die Auswirkungen noch spürbar sein, aber schon 2022 wird sich das sehr schnell normalisieren – immer vorausgesetzt, dass die Impfungen wirksam sind, keine unliebsamen Nebenwirkungen auftreten oder eine ganz neue Pandemie kommt. Ich plane meine nächste große Fernreise 2022, dann geht es in die USA.

Autor: Philipp Nowotny

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