Beim Wein ist das Glas immer halbvoll

Beim Wein ist das Glas immer halbvoll

Beim Wein ist das Glas immer halbvoll

In der zweiten Kolumne unserer neuen Serie Philosophie der Lust, schreibt der New York Times Bestseller-Autor Mychal Denzel Smith über die Liebe und das Mitgefühl eines großen Schlucks

Von MYCHAL DENZEL SMITH

Wie viele andere, die mit der Popkultur aufgewachsen sind, hatte ich mir immer vorgestellt, dass es sich bei der Romantik um die „große Geste" drehte. Ob es nun darum geht, den Partner (oder die Person, die man zu seinem Partner machen möchte) mit teuren Geschenken wie einem Diamanten, einem Auto oder einem Haus zu überraschen, oder Leib und Leben zu riskieren, um durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen zu laufen und dem anderen zu sagen, dass man seinen Job gekündigt hat, damit man tausende von Kilometern von zu Hause entfernt zusammen sein kann. Die große Geste zeigt sich angeblich durch große Opfer, und man will uns verkaufen, dass die Liebe nur so viel bedeutet, wie die Opfer, die wir für sie bringen.

Wie jeder, der sich kritisch mit diesen Botschaften der Popkultur auseinandergesetzt hat, weiß ich, dass das alles Quatsch ist. Nicht, weil ich ein Millennial bin, der sich keinen Diamanten, geschweige denn ein Auto oder ein Haus leisten kann (und es wahrscheinlich auch nie können wird), sondern weil ich gelebt habe und daran gewachsen bin, geliebt und verloren habe. Ich weiß, dass Liebe nicht gehalten oder genährt werden kann, indem man sich von einer großen Geste zur nächsten hangelt und ständig Opfer bringt, ohne sich die Zeit zu nehmen, zu fragen, wofür man etwas opfert. Liebe wird praktiziert.

Aber wie sieht diese Praxis aus? Ich lerne sie noch immer. Vor ein paar Jahren war ich in einer Beziehung, die mir zeigte, dass ich es nicht wusste. Und genau deswegen habe ich es so richtig versaut (aber das ist ein Thema für eine andere Kolumne). Jetzt bin ich in einer anderen Beziehung, und ich fühle mich geliebt wie nie zuvor, und zwar auf eine Art und Weise, die ich nicht für möglich gehalten habe oder von der ich dachte, ich sei ihrer nicht würdig. Natürlich möchte ich diese Liebe erwidern. Und es verwirrt mich jeden Tags aufs Neue, wenn es darum geht, herauszufinden, wie das geht.

Unsere Beziehung ist während der Pandemie weitgehend aufgeblüht, was bedeutet, dass wir praktisch die gesamte gemeinsame Zeit zu Hause verbracht haben, wo wir intime Gespräche führen, Filme schauen, nebeneinander lesen, gemeinsam essen und viel Wein trinken.

Ich hatte ein passables Wissen über Wein, bevor wir anfingen, uns zu daten. Genug, um zu wissen, dass ich gerne eine Flasche Montepulciano in der Nähe habe und dass die perfekteste Paarung der Welt Brathähnchen und Sauvignon blanc ist. (Die helle Knusprigkeit eines Sauvignon blanc harmoniert mit dem fettigen Reichtum des gebratenen Hühnchens, und da es sich um einen trockeneren Weißwein handelt, fühlt es sich im Mund vom ersten Bissen bis zum letzten Schluck nicht pappig und zu viel an. Sie sind in einem harmonischen Gleichgewicht.) Aber die Welt des Weins ist so riesig und vielfältig, dass das Eintauchen in diese für den Uneingeweihten einschüchternd sein kann. Die meisten von uns werden sich an die beliebtesten Richtungen halten und sich wahrscheinlich damit zufrieden geben. Dabei werden wir nie wissen, ob wir den richtigen Jahrgang ausgewählt haben.

Meine Partnerin sagt, dass sie keine Expertin ist, aber sie hat definitiv mehr Ahnung als ich. Bevor wir uns sicher fühlten, uns aus unseren jeweiligen Wohnungen zu wagen, um uns zu sehen, ließ sie mir eine Kiste mit verschiedenen Weinen zukommen. Das war süß, und nicht nur, weil ich so viel Wein wie möglich brauchte, um die Paranoia einer Pandemie zu besänftigen, die jeden Tag mehr und mehr Menschenleben forderte (und immer noch fordert). Es war eine Möglichkeit, ihr Interesse zu teilen und ihre Macken kennenzulernen, indem ich die Geschmacksrichtungen, zu denen sie sich hingezogen fühlte, probierte und darüber sprach.

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