Der Ostfiesling

Der Ostfiesling

Der Ostfiesling

Schlupflid, lichtes Haar, Sprachfehler – Karl Dall war quasi wie gemacht für eine Showkarriere. Seinen Erfolg hatte er aber seiner großen Klappe zu verdanken. Das markante Gesicht war dabei sicher eine Hilfe für die Karriere des Ostfriesen. Nicht umsonst nannte er sein hängendes Auge einst seinen „Mercedesstern im Gesicht“. Diesen trug er von klein auf. Ja, auch wenn man kann es sich kaum vorstellen kann, aber irgendwann war Karl Dall einmal jung. Vermutlich entwickelte er schon in Kindheitstagen seinen Überlebensinstinkt, der ihn später einmal berühmt machte: seinen bitterbösen Humor.

Als wäre eine angeborene Lidmuskelschwäche und das dadurch hängende Auge nicht Bürde genug, war das Lehrerkind Dall nach eigenen Angaben wahnsinnig schlecht in der Schule. Über die Zeit als Schüler sagte er einst mit Verweis auf seinen ostfriesischen Humor-Kollegen Otto Waalkes: „Ich bin sieben Jahre älter, aber wir waren später in einer Klasse.“

All dieser Hindernisse zum Trotz, oder genau deshalb, wurde aus Karl Dall ein Entertainer, der die Unterhaltungsbranche ab den 60er-Jahren prägte und der deutschen Sprache nebenbei den Begriff „Blödelbarde“ schenkte. Ein Ehrentitel, den sich nach Dall nur wenige verdienten. Otto Waalkes, Mike Krüger und Jürgen von der Lippe. Karl Dall war der Erste.

Der Siegeszug begann mit der Band Insterburg & Co., die sich der „Kunst des höheren Blödelns“ verschrieben hatte. Mit ihr schaffte Dall Anfang der 70er-Jahre den Durchbruch. Die gewitzten Texte und Musikparodien der Band um Ingo Insterburg waren zu der Zeit etwas völlig Neues im braven Fernsehprogramm der Bundesrepublik. Insterburg & Co. wurden zu Dauergästen in Sendungen wie Dalli Dalli und Musikladen. Ein Highlight der Truppe war außerdem die Nonsens-Komödie „Quartett im Bett“ mit dem grandiosen Untertitel „Klatsch, Klatsch, Schenkelchen – Opa wünscht sich Enkelchen“, den die Band zusammen mit den Jacob Sisters drehte.

Als sich Insterburg & Co. 1979 auflösten, begann Dalls Karriere als gefürchtetes Lästermaul des deutschen Fernsehens. Dabei kam dem Ostfriesen die Gründung des Privatfernsehens Anfang der 80er gerade recht. Hier lernte das deutsche Publikum den Mann mit dem schiefen Gesicht endgültig lieben. Wie wenige andere sorgte Dall für Anarchie in der TV-Landschaft. Seine Schlagfertigkeit machte sich nun mehr als bezahlt. Nur einmal stand ihm die Spontanität im Weg: Als er sich mit dem akribischen Rudi Carrell überwarf, stieg Dall aus der Sendung „7 Tage, 7 Köpfe“ aus, zu deren erstem Ensemble er gehörte.

Legendär sind Dalls Aussprüche über Stars und TV-Kollegen, die stets zielgenau unter der Gürtellinie einschlagen. Eine Zeit lang galt man in Deutschland nur dann als Promi der obersten Liga, wenn man einmal von Karl Dall beschimpft worden war. Und so talkte und zotete sich Dall durch die Sender und Sendungen, immer mit dem gleichen Erfolgsrezept: Promis einladen und verarschen. Dabei aber war unterschwellig immer klar: Der meint das nicht wirklich böse. Und vor allem vor einem machte Dall nie halt: vor sich selbst. In dieser Feinheit liegt vermutlich das Geheimnis der Karriere des Karl Dall.
Diese Karriere endete vor knapp zwei Wochen, als Karl Dall einen Schlaganfall erlitt. Von diesem erholte er sich nicht mehr. Er sei, so die Famile „friedlich eingeschlafen, ohne vorher noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben“.

Dass dem deutschen Unterhaltungsgeschäft mehr Gesichter wie seines fehlen, davor warnte Dall schon vor Jahren und ätzte in klassischer Manier gegen die deutsche Comedy-Jugend: „Einer muss ja die Drecksarbeit machen mit dieser ganzen angepassten Scheiße im Fernsehen. Wir sind wieder da, wo wir ganz, ganz früher waren: Seid alle ganz nett, seid lieb, katholisch und bloß kein böses Wort.“ Gut möglich, dass er recht hatte. Einer wie er wird uns fehlen.

Autor: David Goller

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